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Der jüngste Münzschatz aus Luxemburg und ein fast unbekannter Kaiser

Horst Herzog

Anfang Dezember 2024 machte das luxemburgische Institut National de Recherches Archéologiques (INRA) in einer kurzen Pressemitteilung auf eine Grabung aufmerksam, bei der unter anderem auch ein Münzhort von 141 Solidi gefunden wurde. Im Zeitraum von 2020 bis 2024 wurden im Norden von Luxemburg, genauer in der Ortschaft Holzthum, die zur Gemeinde Parc Hosingen gehört, die Überreste einer spätrömischen Befestigungsanlage ergraben. Bei dieser Anlage handelt es sich um einen „burgus“, eine kleine, turmartige Befestigung. „Burgi“ wurden in spätrömischer Zeit zur Sicherung von Grenzen und von wichtigen Straßenverbindungen erbaut.


Abb. 1: Fundstelle des Münzschatzes, Bildquelle: INRA

Abb. 2: Solidi mit den Porträts von neun Kaisern zwischen 364 und 408;

Bildquelle: © C. Nosbusch / INRA


Bei dieser Grabung konnte, was sehr selten der Fall ist, in einem gesicherten Kontext auch der erwähnte Schatzfund unter wissenschaftlichen Rahmenbedingungen geborgen werden (Abb. 1). Der Münzschatz, dessen Wert mit 308.600 € beziffert wird, wurde wegen seiner Einzigartigkeit vom luxemburgischen Kulturministerium erworben. Die 141 Solidi decken den Zeitraum von 364 bis 408 ab und sind teils von hervorragender Qualität, teils scheinen sich darunter aber auch einige antike Fälschungen zu befinden. Die Münzen zeigen die Porträts von neun Kaisern, darunter befinden sich auch drei Prägungen des

„Kaisers“ Eugenius (Abb. 2, dritte Münze von rechts), auf dessen Person im Folgenden näher eingegangen werden soll. Auf die hoffentlich zeitnah erscheinende Grabungspublikation und die damit verbundene Präsentation des Schatzfundes darf man gespannt sein.


Gegen Ende des vierten Jahrhunderts war die politische Lage im Westteil des römischen Reiches sehr instabil. Seit 383, nach dem Tod seines Halbbruders Gratian, regierte Valentinian II. als alleiniger Augustus die westliche Reichshälfte. Das große Manko von Valentinian II. war sein jugendliches Alter, mit vier Jahren wurde er bereits zum Augustus erhoben und mit knapp zwölf Jahren fungierte er als „Alleinherrscher“ im Westen, und seine totale Abhängigkeit vom jeweiligen „magister militum“, dem Oberbefehlshaber der Truppen, der de facto die Staatsgeschäfte führte. Als dann im Frühjahr 392 der amtierende „magister militum“, der Franke Arbogast, dem Kaiser öffentlich den Gehorsam verweigerte, kam es zum „Showdown“. Nur wenige Tage nach diesem Eklat, am 15. Mai 392, wurde Valentinian II. tot in seinem Palast in Vienne aufgefunden. Unklar ist bis heute, ob Valentinian II. Selbstmord beging, oder ob er von Arbogast ermordet wurde. Auf die Bitte des Heermeisters, der Augustus des östlichen Reichsteiles, Theodosius I., möchte doch einen Augustus für den Westen ernennen, reagierte Theodosius I. nicht. Daraufhin ließ Arbogast am 22. August 392 Flavius Eugenius (Abb. 3) zum Augustus des Westreiches ausrufen. Wir kennen weder das Geburtsjahr noch die genaue Herkunft des Eugenius. Wir wissen, dass der überaus gebildete Eugenius wohl als Grammatik- und Rhetoriklehrer tätig war. Als „vir clarissimus“ besaß er zudem senatorischen Rang. Unter Valentinian II. war er an dessen Hof als „magister scrinii“ tätig, d. h. als „Kanzleivorsteher“, einer der höchsten Verwaltungsbeamten im Westreich. Mit der Wahl des Eugenius hatte Arbogast einen Verwaltungsfachmann zum Augustus erhoben, der keine militärische Kenntnisse besaß und somit dem Heermeister nicht in die Quere kommen konnte. Die angestrebte Anerkennung des Eugenius durch Theodosius I., dem Augustus des Ostens, blieb jedoch aus.



Abb. 3 Solidus, 392 - 394, Trier, RIC IX Nr. 101


Der Berliner Aureus (Abb. 3) zeigt auf seiner Vorderseite ein sehr schönes Porträt des Eugenius. Zu sehen ist die nach rechts gerichtete, drapierte Büste des Kaisers mit einem Diadem. Die Haarkappe besteht aus feinen, strichartigen Strähnen, die einfach nach vorne gekämmt sind. Eugenius trägt einen Vollbart, dessen voluminöse Locken sich deutlich von der feingegliederten Haarkappe absetzen. Der volllippige Mund ist leicht geöffnet, der Nasenrücken ist in klassischer Manier leicht gebogen und setzt sich nur durch eine leichte Einkerbung von der glatten Stirn ab. Auffallend ist das große Auge und die „scharfkantige“ Augenbraue. Die Büste zeigt den kaiserlichen Ornat mit einem reich bestickten Gewand. Die Umschrift „D N EVGENIVS P F AVG“ (Dominus Noster Eugenius Pius Felix Augustus - Unser Herr Eugenius, der fromme und glückliche Augustus) ist relativ kurz gehalten. Das Reversbild zeigt zwei Kaiser, die frontal auf einem breiten Thron sitzen. Beide Augusti sind jeweils mit einem langen Gewand bekleidet, das bis zu den Füßen reicht. Beide Kaiser sind mit einem Nimbus versehen. Jeweils der rechte Arm ist zur Mitte zwischen den beiden Kaisern gestreckt. Mit ihrer Rechten halten die Kaiser gemeinsam einen Globus als Zeichen ihrer Macht. Die linken Arme bleiben unter dem Gewand verborgen. Zwischen den Häuptern der beiden Augusti schwebt eine Victoria, die mit ihren Händen die Schultern der Kaiser berührt. Im Beinbereich zwischen den beiden Herrschern befindet sich ein Zweig. Man darf davon ausgehen, dass es sich bei den beiden Augusti um Eugenius und um Theodosius I. handelt. Damit warb Eugenius ganz offensichtlich um die Gunst des Theodosius I. und um die Anerkennung als Augustus durch Theodosius I. Ein ähnliches Bildschema findet sich schon auf Münzen des Diokletian, wobei bei diesen die beiden „Senior Augusti“ Diokletian und Maximian auf getrennten Stühlen sitzen. Die Legende „VICTORIA AVGG“ (Victoria Augustorum - die Sieghaftigkeit der Kaiser) bezieht sich auf die Sieghaftigkeit der beiden dargestellten Kaiser. Links und rechts sind die Buchstaben TR als Zeichen der Münzstätte Trier zu lesen und unten im Abschnitt COM wohl als Kontrollzeichen.



Abb. 4 Tremissis, 392 - 394, Trier, RIC IX Nr. 103


Das Münzporträt des Tremissis (Abb. 4) zeigt trotz der Störung im Kinn- und Mundbereich die gleichen Merkmale wie auf dem Aureus Abb. 3. Besonders der leicht gebogene Nasenrücken fällt hier ins Auge. Bei der Büste scheint es sich um eine drapierte Panzerbüste zu handeln. Die Münzlegende entspricht der des eben besprochenen Aureus. Auf der Rückseite ist eine nach links eilende Victoria dargestellt. Die rasche Bewegung der Siegesgöttin wird verdeutlicht durch ihren weiten Ausfallschritt und durch das nach hinten wehende Gewand. In der vorgestreckten Rechten hält Victoria einen Kranz und im linken

Arm einen Palmzweig. Die Umschrift „VICTORIA AVGVSTORVM“ ist diesmal ausgeschrieben. Die Buchstaben TR und COM befinden sich an ähnlicher Stelle wie bei dem Aureus. Auch hier wird durch das Bild der Victoria im Zusammenspiel mit der Legende die Sieghaftigkeit beider Augusti beschworen.


Das Münzporträt der Siliqua (Abb. 5) unterstreicht die bei der Beschreibung des Aureus festgestellten Merkmale deutlich. Die Averslegende bleibt bei allen Prägungen des Eugenius, insofern sie nicht Theodosius I. oder dessen Sohn Arcadius gelten, immer gleich! Auf der Rückseite ist Roma abgebildet. Diese sitzt nach links gewandt auf einem Panzer, dessen Pteryges sehr schön zu erkennen sind. Die behelmte Roma trägt ein langes Gewand, wodurch sie sich auch von Virtus unterscheidet, denn diese ist in der Regel mit einem kurzen Gewand bekleidet. Während sich Roma mit ihrer linken Hand auf einen Speer stützt, dessen Spitze am Boden aufsteht, hält sie in ihrer vorstreckten Rechten einen Globus mit einer Victoriola. Diese ist Roma zugewandt und im Begriff, die Personifikation Roms zu bekränzen.



Abb. 5 Siliqua, 392 - 394, Mailand, RIC IX Nr. 32 c


Die Reversumschrift „VIRTVS ROMANORVM“ (die Tüchtigkeit der Römer) spielt auf die Virtus, d. h. auf die Tugend, Tapferkeit und Tüchtigkeit der Römer an. Eventuell sollte hierdurch an alte Zeiten und an alte Tatkraft erinnert werden, die Eugenius gerne wiederbelebt hätte. Die Buchstabenkombination „MDPS“ bezieht sich auf die Münzstätte Mediolanum.


Während seiner kurzen Regierungszeit lässt Eugenius in den westlichen Münzstätten Arles, Lugdunum, Rom, Mediolanum und Trier Gold-, Silber- und Aes-Münzen prägen. RIC IX listet zweiundzwanzig unterschiedliche Prägungen des Eugenius auf, worunter sich auch, wie bereits erwähnt, Münzen für Theodosius I. und Arcadius befinden. Die Münzlegenden der Rückseiten beziehen sich im Wesentlichen auf die Sieghaftigkeit der Kaiser, auf den Ruhm und die Tüchtigkeit der Römer und des Heeres.


Das von Eugenius und von Arbogast, der grauen Eminenz, gewünschte Ziel, nämlich die Anerkennung des Eugenius durch Theodosius I. wurde nicht erreicht. Im Gegenteil, Theodosius I. ernannte seinen jüngeren Sohn Honorius zum Augustus des Westens und setzte dessen Machtanspruch mit militärischen Mitteln durch. Anfang September 394 kam es am Fluß Frigidus, im heutigen Slowenien gelegen, zwischen den Truppen des Eugenius und denen des Theodosius I. zu einer zweitägigen Schlacht. Die weströmische Armee wurde besiegt, Eugenius wurde von feindlichen Soldaten ermordet. Sein Heermeister Arbogast beging Selbstmord. Von den zeitgenössischen christlichen Schriftstellern wurde der Sieg des Theodosius I. als endgültiger Sieg des Christentums über das Heidentum dargestellt. Diese Sichtweise wird jedoch in der modernen Forschung stark angezweifelt. Denn Eugenius war sicherlich kein überzeugter Anhänger der alten römischen Religion, auch wenn er mit deren Anhängern immer etwas liebäugelte.


Horst Herzog

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